Kann man die Kunst vom Künstler trennen?

Johnny Depp in „Phantastische Tierwesen“ © Warner Bros.
Johnny Depp in „Phantastische Tierwesen“ © Warner Bros.

April 2022 - Als die „Harry Potter“-Reihe im Sommer 2011 mit dem letzten Film zu Ende ging, war die Welt der Zaubernden noch in Ordnung. Elf Jahre später sieht das ein wenig anders aus, denn längst sorgen nicht nur die enttäuschenden Einspielergebnisse der ersten beiden „Phantastische Tierwesen“-Filme bei Warner Bros. für Kopfschmerzen, sondern auch das Drumherum. Als am Ende des ersten Teils Johnny Depp als Bösewicht Gellert Grindelwald enthüllt wurde, waren bereits damals erste Negativstimmen zu hören. Inzwischen ist der einstige Superstar durch seinen Rosenkrieg mit Amber Heard dermaßen in Ungnade gefallen, dass er in „Phantastische Tierwesen 3“ die Rolle an Mads Mikkelsen abgeben musste. Und auch Romanautorin J.K. Rowling, die zum neuen Film wieder das Drehbuch beisteuert, steht mit ihrer offenen Transfeindlichkeit auf Twitter schon länger in der Kritik. Ein Umstand, der nicht nur den neuen „Tierwesen“-Film belastet, sondern auch das heißerwartete Videospiel „Hogwarts Legacy“, dass nach seiner kürzlichen Gameplay-Präsentation mit Boykottaufrufen von Rowlings Gegner:innen zu kämpfen hatte. Und so wirft der Kinostart von „Phantastische Tierwesen 3“ eine altbekannte Frage auf: Kann man die Kunst vom Künstler trennen oder nicht?

Amber Heard und Johnny Depp in „Rum Diary“ © Wild Bunch
Amber Heard und Johnny Depp in „Rum Diary“ © Wild Bunch

Der Fall Johnny Depp

Am Set der Romanverfilmung „Rum Diary“ lernte Johnny Depp im Jahr 2010 seine 23 Jahre jüngere Schauspielkollegin Amber Heard kennen und lieben, bevor sich die beiden nach 15 Monaten Ehe im Jahr 2016 trennten. Es sollte eine zerstörerische und gewalttätige Beziehung werden, die seitdem eine gnadenlose Schlammschlacht nach sich zog. Die Reißleine zog Warner Bros. jedoch erst, nachdem Depp im November 2020 einen Prozess gegen das britische Boulevardblatt „The Sun“ verlor, die den Schauspieler als „Frauenschläger“ bezeichnet hatte. Das Gericht schmetterte die Verleumdungsklage von Depp ab, was gleichzeitig eine Bestätigung für die ihm vorgeworfene häusliche Gewalt war. Nachdem die britische Zeitung „Daily Mail“ Tonbänder der beiden veröffentlichte, in denen Heard zugibt, selbst handgreiflich geworden zu sein, hat allerdings auch die Glaubwürdigkeit seiner Ex-Partnerin gelitten. Ein finales Urteil steht im jahrelangen Rechtsstreit noch aus. Die Fans halten Depp jedoch die Treue und fordern seit geraumer Zeit Gerechtigkeit für den Star, was ein Auftauchen seines unscheinbaren neuen Films „Minamata“ beim „Oscars Fan Favorite“ bewies. Für Ärger sorgt vor allem, dass Depps Karriere weitestgehend auf Eis liegt, während Amber Heard bislang keinerlei Konsequenzen zu spüren bekam. So drehte sie unlängst den Blockbuster „Aquaman 2“ ab, ungeachtet der Petition mit 1,8 Mio. Unterschriften, die für ihren Rauswurf beim ebenfalls von Warner produzierten Film plädierten. In diesem Zusammenhang werfen sich also zwei Fragen auf: Sollten private Verfehlungen eines Schauspielers oder einer Schauspielerin Auswirkungen auf die Karriere haben und wenn ja, sollten dann nicht beide Parteien zur Rechenschaft gezogen werden?

J.K. Rowling mit dem Cast von „Phantastische Tierwesen“ © Warner Bros.
J.K. Rowling mit dem Cast von „Phantastische Tierwesen“ © Warner Bros.

Der Fall J.K. Rowling

Bei J.K. Rowling sieht das ein wenig anders aus, denn im Gegensatz zu Depp hat sich die „Harry Potter“-Autorin keine strafbaren Verfehlungen geleistet, die vor Gericht landen könnten. Ihre Tweets zählen schlichtweg zur freien Meinungsäußerung, so verachtenswert diese auch sein mögen. Seit geraumer Zeit macht sich Rowling nämlich mit transfeindlichen Aussagen auf Twitter unbeliebt. Angefangen hat alles im Juni 2020, als sie sich über die Bezeichnung „People who menstruate“ lustig machte, und seitdem wird die einst geliebte Autorin nicht müde, gegen Transmenschen und ihre Geschlechtsidentität zu wettern. Aussagen, die sie gefährlich nahe in die TERF-Richtung bringen (zu deutsch: Trans-ausschließender radikaler Feminismus). Kein Wunder also, dass Rowling gerade aus der queeren Community ordentlich Gegenwind abbekommt. Anders als von Wladimir Putin behauptet, der in einer Rede über den Ukraine-Krieg auch über Rowlings Opferrolle in der westlichen Cancel Culture sprach (wovon sie jedoch nichts wissen wollte), gerät diese Absagekultur im Falle der Autorin aber an ihre Grenzen. Während Rowling beim Videospiel „Hogwarts Legacy“ nicht in den kreativen Prozess eingebunden ist, kann sie nur als Drehbuchautorin der „Tierwesen“-Filme abgelöst werden. Da sie dann aber noch immer hinter der Welt und ihren Figuren steht, kann sie im Gegensatz zu diversen Darsteller:innen nicht einfach ausgetauscht werden. Was also tun im Falle von J.K. Rowling und ist ein Boykott wirklich der richtige Lösungsansatz?

Wird von einigen Gamer:innen boykottiert: „Hogwarts Legacy“ © Warner Bros. Games
Wird von einigen Gamer:innen boykottiert: „Hogwarts Legacy“ © Warner Bros. Games

Kann man die Kunst vom Künstler trennen?

Eine Frage, die in Hollywood seit vielen Jahren kursiert und spätestens seit der #MeToo-Bewegung an Relevanz gewonnen hat, ist die, ob der/die Künstler:in und seine/ihre Kunst unabhängig voneinander betrachtet werden können. Im Fall von J.K. Rowling ein schwieriges Unterfangen, da ihr Name fest mit dem „Harry Potter“-Franchise verwurzelt ist. Die Sinnhaftigkeit eines Boykotts ist dennoch streitbar, da Rowling an „Hogwarts Legacy“ nicht direkt beteiligt ist und nur Geld an den Rechten kassieren dürfte. Und selbst wenn, stellt sich die Frage, ob ein paar verkaufte Spiele weniger verhindern können, den transfeindlichen Kurs Rowlings mit zu finanzieren. Einer Frau, die ein geschätztes Vermögen von 800 Millionen Dollar angehäuft hat! Viel mehr würde es wohl dem Entwicklerstudio Avalance Software und seinen Mitarbeiter:innen schaden, die nichts mit J.K. Rowlings Aussagen am Hut haben und bereits klarstellten, dass sogar ein geschlechtsneutraler Charaktereditor im Spiel zu finden sei. Aus meiner Sicht geht ein Boykott des Franchise daher am eigentlichen Ziel vorbei und dass Warner Bros. deswegen das lukrative Franchise fallen lässt, ist unrealistisch. Ich störe mich eher am generellen Diskurs zum Thema, bei dem viele Rowling-Kritiker:innen (wie die bekannte deutsche Twitch-Streamerin Shurjoka) zukünftigen Käufer:innen des Spiels vorwerfen, damit die transfeindliche Haltung der Autorin zu unterstützen. Eine plumpe Schwarz-Weiß-Zeichnung auf die sich die Stars der Reihe nicht eingelassen haben. So kritisierte Hermine-Darstellerin Emma Watson die Aussagen Rowlings bereits mehrfach öffentlich, ohne die Frau, der sie ihre ganze Karriere zu verdanken hat, fallen zu lassen. Mit ihrer differenzierten Meinung beweist Watson, dass es einem erwachsenen Menschen durchaus zuzutrauen ist, zwischen der Freude an einem Werk und den Aussagen seiner transfeindlichen Autorin unterscheiden zu können.

Immer für einen Skandal gut: Credence-Darsteller Ezra Miller © Warner Bros.
Immer für einen Skandal gut: Credence-Darsteller Ezra Miller © Warner Bros.

Das führt mich zu meiner persönlichen Überzeugung, stets die Kunst von der kunstschaffenden Person zu trennen. Gerade wenn es sich dabei um private Verfehlungen handelt, die sein/ihr Schaffen nicht beeinflussen. Zum einen wären mir beim mehrfachen Lesen der „Harry Potter“-Bände keine transfeindlichen Charaktere aufgefallen, zum anderen geht das Privatleben einer Person niemanden etwas an, auch den Arbeitgeber nicht. Eine Grenze, die als Hollywood-Star, der permanent in der Öffentlichkeit steht, natürlich zusehends verschwimmt. Ich bin jedoch der Meinung, dass auch die Stars ein Recht auf Privatsphäre haben, welches respektiert werden sollte. Anders verhält es sich bei Menschen wie Kevin Spacey oder Harvey Weinstein, die ihre Macht am Set und hinter den Kulissen missbraucht haben. Dass solche Personen nicht mehr an ein Filmset dürfen, ist richtig und wichtig, gerade um weitere potenzielle Opfer zu schützen. Trotzdem muss sich niemand dafür schämen, weiter „House of Cards“ zu mögen. Bei privaten Verfehlungen, wie Johnny Depps toxischer Beziehung zu Amber Heard, halte ich die Auswirkungen auf die Karriere aber für überzogen. Und wenn Depp trotzdem zur Rechenschaft gezogen wird, darf die Situation im Fall von Amber Heard nicht mit zweierlei Maß bemessen werden. Vielleicht wird Heard am Ende des Rechtsstreits doch noch mit Konsequenzen zu rechnen haben, bis dahin fehlt mir aber eine klare Linie seitens Warner Bros.

Beim dritten „Tierwesen“-Star im Bunde, Ezra Miller, zeigt sich die Führungsriege des Studios wiederum konsequenter. Bei einem Notfall-Meeting wurde kürzlich beschlossen, alle Projekte mit dem Credence- und „The Flash“-Darsteller zu pausieren, der zuvor nach einer Auseinandersetzung mit einem Paar in einer Bar in Hawaii verhaftet wurde. Nicht der erste Ausfall von Miller, der bereits im Jahr 2020 dabei gefilmt wurde, wie er eine Frau würgte. Auf der einen Seite ist es verständlich, dass eine Firma wie Warner Bros. im heutigen gesellschaftlichen Klima nicht mit solchen Personen assoziiert werden möchte. Auf der anderen Seite scheint sich Miller keine unverzeihlichen Vergehen erlaubt zu haben, die eine Aufeislegung seiner Karriere rechtfertigen würden.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Reaktionen der Fans, denn im Gegensatz zu Johnny Depp wird Ezra Miller nicht verteidigt. Ganz im Gegenteil: Viele Fans fordern nun schon zum wiederholten Male Miller durch den „The Flash“-Darsteller der DC-Serie, Grant Gustin, zu ersetzen. Es scheint vielen Fans also weniger um die Taten an sich zu gehen, als viel mehr um die persönliche Sympathie. Eine Herangehensweise, die bei dieser Thematik mehr als problematisch erscheint.

 

Am Ende bin ich der Überzeugung, dass jeder für sich entscheiden muss, ob er die Kunst vom Künstler unterscheiden kann oder nicht. Im Hinblick auf die Studios sollte es meiner Meinung nach aber einen klaren Unterschied geben, ob es sich um private oder geschäftliche Verfehlungen handelt. So hat es weder ein Johnny Depp noch ein Ezra Miller verdient, im gleichen Maße bestraft zu werden wie ein Kevin Spacey oder Harvey Weinstein. Dass Amber Heard gleichzeitig keine Konsequenzen zu spüren bekommt, hinterlässt zusätzlich einen faden Beigeschmack.

Aus Publikumssicht ist es wiederum vollkommen legitim, anderer Meinung zu sein und wegen J.K. Rowling „Hogwarts Legacy“ und „Phantastische Tierwesen 3“ zu boykottieren. Wer eine Meinung vertritt, sollte diese aber auch konsequent anwenden und sich nicht durch persönliche Sympathien leiten lassen (siehe Johnny Depp und Ezra Miller). Gleichzeitig sollte man die Meinung eines jeden respektieren und nicht versuchen, anderen seine Haltung aufzuzwingen (siehe den manipulativen Boykottaufrufen). Ansonsten bleibt der öffentliche Diskurs darüber genau so ermüdend wie das eigentliche Thema.


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